Über das Produkt:
Auch in diesem zweiten Erzählband geht es um die Frage, wie der Mensch in einer Welt, die jeder Transzendenz entgegensteht, eine Gotteserfahrung machen kann. Gleichnishaft zeigt sich auch in diesen Prosatexten die Welt als Ort der Wüste. Der Blick ist verstellt!
Wie durchdringt die Gnade das Dasein des Menschen? Wie bringt sich ein unscheinbares Wort, ein Zeichen, ein Ton im Innersten wirkmächtig zur Sprache? Der Prozess des Erkennens bleibt dabei im Dunklen, verweist erst im Sichtbaren auf das Unsichtbare. Auch der Morgen beginnt lange, bevor er als solcher wahrgenommen wird, am tiefsten Punkt der Nacht.
Titelgebend durchwirkt dieser Gedanke die Erzählungen.
Ob es sich um eine erfolgreiche Redakteurin, einen Designer, einen Industriellen, einen Wissenschafter, eine Putzfrau oder um einen Familie, die im Corona-Lockdown ausharrt, handelt, die Gnade stellt sich ungerufen in den Weg. Wie darauf antworten?
Hier zur Buchvorstellung von Radio Maria
Rezension von Barbara Stühlmeyer
Geschichten erzählen ist eine der Urbegabungen der Menschen. Worte weben aus dem Miteinander, Füreinander und Gegeneinander, Lichtspuren legen, die das Vergangene erhellen und den Weg in die Zukunft heimleuchten gehören zu den wichtigsten Aufgaben, die Menschen in ihren jeweiligen Gemeinwesen wahrnehmen können. Literatur ist lebenswichtig – einer der Gründe, aus denen Winston Churchill energisch protestierte, als man von ihm forderte, die Ausgabe für die Kultur zugunsten derer für Kampfmittel zu streichen und dieses aus seiner Sicht vollkommen unvernünftige Ansinnen mit der Frage zurückwies: „Und wofür kämpfen wir dann?“
Christine Wiesmüller ist eine der Wortweberinnen, deren poetisch funkelnden Werkstücke zu den Leuchttürmen der christlichen Gegenwartsliteratur zählt. In atmosphärisch dichten Erzählungen lässt sie ihre Leser auch in diesem Band – „Mitternacht“ betitelt – in die Lebenswelten ihrer jeweiligen Protagonisten eintauchen. Immer wieder neu wagt sie in „Mitternacht“, „Das Kreuz“, „Der Flügelschlag des Engels“, „Der Weinberg“, „Die Frau am Brunnen“ und „Erdbeeren im Winter“ den Sprung in die facettenreichen Realitäten der Gegenwart, denen eines gemeinsam ist: die Sehnsucht und die Suche nach dem Licht, das den Heldinnen und Helden ihrer Geschichten in unterschiedlichster Form aufleuchtet.
Im bis in die Mitte der Herzen durchdringenden Ton einer Cellosonate, der eine Geste der vollkommenen Hingabe evoziert, deren Nachhall vom Alltagslärm verschüttet wird. Im unverstandenen Wunder, das im erfolgreichen Bemühen des Versteckens seiner Spuren im Einerlei der aufeinanderfolgenden Tage vergessen wird. Im Verstummen vor der Übergröße der Schuld, deren Verschweigen seine vergiftende Wirkung nicht nur im eigenen Herzen entfaltet, sondern sich spinnwebengleich auf die gesamte Umgebung erstreckt.
In der tötenden Leere, die die allgegenwärtige Greifbarkeit realisierbarer Wünsche dem nur scheinbar gesunden Menschenverstand zum Trotz in Geist und Seele mit folgerichtiger Kaltherzigkeit entfaltet. Im aus den tiefsten Seelentiefen hervordringenden Sehnen nach dem ganz anderen inmitten unerträglich lautheller Scheinfülle und im je eigenen Pfadfinden im unbekannten Gelände der immer schon gewussten und doch so erfolgreich ins Ungesagte verschobenen Brüchigkeit der eigenen und der Existenz aller.
Kirche spielt in Christine Wiesmüllers Erzählungen jene Rolle, die sie bei einem realistischen Blick auf die Gesellschaft einnimmt: keine. Sie taucht nur als ferne Erinnerung auf, als vergessene Erlebnisse aus der Kindheit, als gesellschaftliche Pflicht, die man genau so erfüllt, wie die Teilnahme an einer Vernissage oder als kurzer Sehnsuchtsmoment beim versehentlichen Betreten einer Kirche. Priester, die tun, was ihnen aufgegeben ist, finden sich in diesen Geschichten nicht, ebensowenig wie praktizierter Glaube. Das ist so, wie es sich derzeit verhält und ein Weckruf für diejenigen, die als Hüter des Lichtes dafür sorgen sollten, dass es ganz anders ist.
Wiesmüllers Erzählungen sind ungeachtet der gebrochenen Existenzen, in deren Leben sie die Leser hineinnimmt, eine zukunftsweisende, lichtvolle und heilsame Lektüre. Denn sie machten in leuchtenden Wortgeweben deutlich, dass die Hoffnung unsterblich ist.
