Über das Produkt:
Stimmen über „Kanaa – Dramen“ von Christine Wiesmüller
Heute Dramen zu schreiben ist nicht nur auf der literarischen Ebene ein Abenteuer. Denn das Hinabsteigen in die gesellschaftlichen Untiefen, die zu durchstreifen notwendig ist, um den Einzelnen den Zerrspiegel dessen vorzuhalten, was sie aus ihrem Gemeinwesen gemacht haben, ist keine leichte Aufgabe. Ebensowenig wie die, das dort Wahrgenommene so zu verdichten, dass der dem Drama innewohnende Same der Erkenntnis, der im sich in das scheinbare Spiel hineingenommenen Zuschauer einsenkt, in dessen Seele aufgehen kann. Genau dies gelingt Christine Wiesmüller in ihrem vorliegenden Band „Kanaa – Dramen“, in dem sie auf vielschichtige, allegorische Weise den Blick auf zeitgenössische Themen wirft. Künstliche Intelligenz, neue Ideologien, Transhumanismus, Genderfluidität, Wokeness, Optimierung und Funktionalisierung sind Begriffe ihres Werkes, die die zeitgenössische Lebenswelt zunehmend prägen. In ihrer Dramenreihe stellt Wiesmüller diese Phänomene als Kräfte dar, die nicht nur Politik beeinflussen und die Gesellschaft verändern, sondern auch das Denken der Menschen auf der Basis der ihnen zugrunde liegenden Axiome formatieren.
Der vorliegende Band folgt den Spuren dieses neuen und in den Augen vieler verpflichtenden Denkens in fünf Dramen. „Kanaa – der Rote König und die weiße Braut oder das Mysterium Conjunctionis“, „Sonnenfinsternis“ und „Das Abschiebespiel“. Die psychologisch feingezeichneten, atmosphärisch dichten und in ihrer gesellschaftlichen Spiegelfunktion bisweilen dystopischen Stücke erkunden das Spannungsfeld zwischen Transzendenz und unbedingtem Materialismus – eine Auseinandersetzung, die existentielle Fragen von Gott, Menschsein und Wirklichkeit berührt. Sie machen den Relativismus sichtbar, der versucht, eine komplette Deutungshoheit über die Wirklichkeit zu beanspruchen. Sie zeigen Macht und Machtstrukturen als „circulus vitiosus“, der in die Leere läuft, den Menschen von innen zerfrisst, und den erlösenden Ton unhörbar erscheinen lässt . Durch Formmittel wie Reduktion, Wiederholung und Ironie entstehen intensive, fast suggestive Szenen, die nicht nur inszenieren, sondern tiefgehend provozieren. Sie werden so zu Symbolen, die den Blick für das zeitlos Gültige öffnen.
Die Autorin, gebürtige Niederösterreicherin, hat eine beeindruckende literarische Laufbahn: Von frühen Gedichten in einer katholischen Schülerzeitung bis hin zu Publikationen in renommierten Literaturzeitschriften wie Nachtcafé und Anthologien (z. B. S. Fischer). Sie schreibt Prosa und Theaterstücke, erhielt Arbeitsstipendien des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, und ihr Prosawerk wie etwa „Der Riss“ wurde als “traumhaft schöner Roman im Stile Julien Greens” bezeichnet .
„Kanaa – Dramen“ überzeugt als poetisch-dramatisches Opus, das dazu anregt, aktuelle gesellschaftliche Fragen auf der Basis der als wegweisende Landkarte verstandenen Heiligen Schrift zu reflektieren. Mit poetischer Schärfe und formalem Mut öffnet Christine Wiesmüller Räume jenseits rationaler Analyse und lädt zum Denken und Fühlen ein. Wer Theaterdrama mit Tiefgang, Symbolik und Reflexion der Moderne schätzt, findet hier ein literarisch eindrucksvolles und zugleich persönlich performatives Werk.
Rezension von Dr. Barbara Stühlmeyer
Künstliche Intelligenz, neue Ideologien, genderfluid und woke, Transhumanismus, Optimierung und Funktionalisierung dominieren nahezu alle Lebensbereiche, programmieren die Gehirne um? Gleichnishaft zeigen die Dramen von Christine
Wiesmüller das Spannungsfeld zwischen Transzendenz, unbedingtem Materialismus und Relativismus, der für sich die
Deutungshoheit der Wirklichkeit in Anspruch nimmt. Ein komplexes Figurenszenario verschreibt sich in Kanaa, dem Roten König und der weißen Braut sowie dem Weinberg diesen Phänomene auf je unterschiedlich literarische Art und Weise. Ein erlösender Ton bleibt hörbar. Sonnenfinsternis und Das Abschiebespiel hingegen, schlagen sowohl in Sprache und Form, durch Zuspitzung, Ironie, Wiederholung und Reduktion einen gänzlich anderen Tenor an. Ist das zentrale Thema doch die Macht, der circulus vitiosus der Macht, der im Letzten ins Leere läuft, den Menschen von innen her zerfrisst, den erlösenden Ton zum Verklingen gebracht hat. Die Dramen werden zu dramatischen Symbolen, streifen das zeitlos Gültige.
Wer spricht? Die Frage, wer der Mensch denn ist, wird angesichts dieser Entwicklungen noch genauer gestellt werden müssen.
Rezension von Felix Jeanplong
Jede Seite von “Kanaa” ist Geschenkspapier für ein Geheimnis.
Christine Wiesmüllers Literatur birgt seit jeher die tiefen Widerstände und Eigentümlichkeiten des Menschen im Kranz unaufdringlicher Detailfülle. Mit “Kanaa” hat sich die österreichische Schriftstellerin erneut der Vielfalt des Schicksals verschrieben.
In vier Dramen und einem Dramolett wird der Alltag des Lesers mit solchem Einfühlungsvermögen durch den der Figuren ersetzt, dass in der folglich vertraut wirkenden Fremde das Fremde seine vollständige Wirkung entfalten kann. Ob Lehrerin, Senator oder Namenloser: Jede Figur wird vom Zauber präziser Literatur zum Leben erweckt. Eine eindringliche Leseempfehlung für alle, die der Lücke zwischen den Zeilen schon immer nachspüren wollten.

